20170313   unfertig oder verworfen

Nach allem, was Erdogan der Türkei und der Welt inzwischen zugemutet hat, erledigen sich Spekulationen, ob er sich allein mit sachlichen Argumenten und netten Worten zur Vernunft bringen lässt.

Folgerichtig erscheint mir insofern die Sperrung von EU-Milliarden, mit denen die Rechtsstaatlichkeit der Türkei gefördert werden sollte.

Folgerichtig erscheint mir ebenfalls, dass die Niederlande den Erdogan-Ministern keine öffentlichen Propaganda-Auftritte mehr gestattet.

Folgerichtig wäre nun, solche Auftritte auch in Deutschland zu unterbinden, denn wir sind es der Welt und uns schuldig, dass nichts daran demokratisch sein kann, wenn irgendwo auf der Welt probiert wird, die Demokratie durch Diktatur zu ersetzen, auch dann nicht, wenn ein Möchtegern-Diktator dafür die Herzen und Stimmen vieler gewinnt.

Herrn Erdogan muss darüber hinaus belehrt werden, dass die türkische Regierung tatsächliche und mutmaßliche Interessen von türkischen Staatsbürgern im Ausland zwar konsularisch wahrzunehmen berechtigt bleibt, aber im Ausland nicht Inland spielen darf, es sei denn nach gemeinsamen Regeln, was der Türkei und weltweit zu wünschen wäre, aber da kommt man mit Erdogans Sprüchen nicht hin.

Und so sehr mit einem Auftrittsverbot gezeigt würde, dass nach niederländischer und deutscher Auffassung Erdogan die "Rote Linie" überschritten hat, kann es nicht um den Abbruch diplomatischer Beziehungen gehen, denn Diplomatie braucht es in Schönwetter-Phasen weniger als in Krisen. - Doch dazu genügen Gespräche auf Regierungs- und Botschafterebene, auf Ebene der Vereinten Nationen.

Und Boykott-Aktionen, wie von Scharfmachern gefordert?


Boykott-Aktionen sind nur sinnvoll,
- wenn sie völkerrechtlich statthaft sind,- wenn sie tatsächlich bewirken könnten, was sie bewirken sollen,- wenn sie möglichst nur diejenigen trifft, die sich schuldig machen.

Die deutschen Waffenlieferungen an die türkische Regierung halte ich ohnehin für wenig geeignet, um den auflodernden Konflikt mit Teilen der kurdischen Bevölkerung zu befrieden, denn auch dafür braucht es Diplomaten (Politiker), allenfalls gesichert durch Soldaten, wonach es gegenwärtig aber nicht ausschaut. Ein Waffenembargo wäre also richtig.

Ein Handels- oder Tourismus-Embargo halte ich indes für falsch, denn es darf kein ausländisches Mittun sein, der türkischen Volkswirtschaft zu schaden, zumal Erdogans Politik solchen Effekt bereits hat und sich erschweren würde, dass er Verantwortung dafür übernimmt.
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Schottland darf für die EU keine Option sein gegen Austritte sein

Schottlands nationalistische Regierungschefin Sturgeon kündigte ein weiteres Referendum zur Abspaltung von Großbritannien an, um in der EU zu verbleiben.
Als "Brexit"-Gegner könnte man schadenfroh sein, aber mir ist Separatistisches auch in diesem Fall ähnlich eklig wie jederlei Nationalismus, .

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Klar, Überhöhung ist immer problematisch, wobei es schon besser ist, wenn sich die Leute heute weniger für "Große Feldherren" und "Eroberer" erwärmen als für einen Gandhi, der den Kolonialismus mit frommen Sprüchen entsorgte, wenngleich es mir lieber gewesen wäre, der bloße Appell an Großbritannien hätte genügt, dass sich Kolonialismus mit dem Völkerrecht nicht verträgt.

Auf Gandhis Motive kann es weniger ankommen als auf die Größe von Blutlache und Resultat, zumal überhöhende und üble Nachrede ausnahmslos jedem Menschen passieren kann, je "wichtiger" er/sie anderen zu werden scheint.

Ich weiß von Gandhi zu wenig, um Kritik an seiner Person (anstatt an Resultaten) nachvollziehen zu können, zu mögen. 

Mit schroffer Kritik an "Heiligen" wie "Mutter Theresa" tue ich mich leichter, denn "Die Würde des Menschen ist nicht aus Almosen, sondern aus Gerechtigkeit."
Und ich mag eben auch keinen religiösen Kolonialismus. 

Die Einordnung/Ausgrenzung Gandhis betreffend, ob Pazifist, Weltbürger usw. würde ich schlicht damit beantworten, dass viele seiner Aussagen in vielerlei Hinsicht ergiebig sind, aber eben auch vieles von ihm aus mehr oder weniger triftigen Gründen seiner historischen Opportunität falsch oder unzureichend beantwortet wurde. 
Bspw. wenn es um den Krieg gegen NS-Deutschland ging oder um Atomwaffen, zumal er solchen Fragen oft ausgewichen sein soll, sich womöglich erhoffte, aus dem Weltkrieg der Großmächte die indische Unabhängigkeit leichter erlangen zu können. Das wäre ekelhaft - und irgendwo auch legitim zugleich, denn Kolonialismus ist ekelhaft, weil ebenfalls rassistisch. 

Prinzipiell sind meine Erwartungen an einzelne Menschen hoch, aber auch nicht so hoch, dass mir nun gleich jeder durchs Raster fällt, der einzelne Erwartungen nicht erfüllt, zumal wenn es an sich um eigentlich banalere Fragen geht, auf die wir als Menschheit mit viel mehr Klarheit und Entschlossenheit zu antworten hätten - und dann auch seitens der hohen Politik bessere Sprüche hören würden, denn Politiker müssen eben opportunistischer sein, ansonsten wären sie machtlos und allenfalls interessantere Philosophen. 

Nun las ich soeben über Gandhi im Lexikon der Bundeszentrale für Politische Bildung: "Dabei hat er der Welt gezeigt, dass soziale und politische Veränderungen nicht nur durch Gewalt und Terror, sondern auch durch Liebe und Mitleid erreicht werden können."
http://www.bpb.de/internationales/asien/indien/44389/mahatma-gandhi-vater-der-nation?p=0 

Puuh, das ist irreführend, denn für den Erfolg von Gewaltlosigkeit gegen ein Unrechtsregime braucht es Voraussetzungen, zumindest dass sich das Unrechtsregime moralisch beeindrucken lässt. Und moralische Skrupel bekommt mancher Bösewicht leider erst dann, wenn ihm schwant, dass er auch mit gröbster Gewalt nicht mehr durchkommen kann - oder der Preis zu hoch wird. 
Insbesondere aus NS-Erfahrung, denn mit Hungerstreik waren die Verfolgten den NS-Tyrannen grad recht. die Gewaltlosigkeit und Ohnmacht gegenüber der NS-Tyrannei war äre erfolglos gewesen. An den Selektionsrampen der Vernichtungslager und in der Zwangsarbeit waren die Schergen auf die Ohnmacht der Opfer angewiesen 

Die Ausrottung der Regimegegner wäre dem NS zwar niemals gelungen, aber zum "1000-jährigen" Verbrechen geworden, wenn das Regime nicht militärisch beseitigt worden wäre. 

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