12. Weltfestspiele der Jugend und Studenten 1985 in Moskau

Gorbatschow regierte seit ein paar Monaten die Sowjetunion.  Und tatsächlich fand ich  vieles verändert. Vor allem die Presse und auch viele Menschen.  Aber vieles erkannte ich auch wieder. Denn Gorbatschow hatte von Anbeginn viele Widersacher - bis hinein in meine Partei. 
DOCH die Weltfestspiele waren phantastisch. Es war wie ein Rausch, sich als MENSCHHEIT zu erleben, in kosmopolitischer Gemeinschaftlichkeit. 

Zur Eröffnung der 12. Weltfestspiele zogen aus 157 Ländern die Delegationen in das Lenin-Stadion ein.  
Als Delegation aus dem damaligen Berlin-West hatten wir einen "Sonderstatus", weil Berlin-West nach Auffassung der Alliierten und auch nach meiner Auffassung nicht von der Bundesrepublik Deutschland regiert wurde und auch kein Teil von ihr war. Allerdings galt desgleichen für Ost-Berlin, was es ebenfalls zu beachten gewesen wäre.
Naja, wir zogen jedenfalls unter der Flagge von Berlin als letzte Delegation vor der sowjetischen Delegation ein.
In Berlin und Bonn ging ein Gezetere los, dass wir mit dieser Separatheit "Hochverrat" betrieben hätten. Wenn ich mich recht entsinne, kündigte der damalige Innensenator und Rechtspopulist Heinrich Lummer an, uns bei Rückkehr zu verhaften. Dazu kam es zwar nicht, aber die Kampagne war so aggressiv, dass selbst meine Nachbarn über alle Maße empört waren, dass ich an "so was" teilgenommen hatte.  Ich zeigte ihnen die Verfassung von Berlin. Und gut war es. Aber vorher hatten sie mich mindestens verwünscht. - Der Mensch ist anfällig für Anfälle.

unschärfer können Fotos kaum sein, aber ich war übermüdet und überspannt
 

In der Nachbetrachtung kritisiere ich an meiner damaligen Position, dass sie für meine Mitbürger deren politische Souveränität bestritt.  Mir waren "nationale Fragen" nachrangig gegenüber "Klassenfragen" :-)  

und das sind mir auch heute, obwohl ich wohl kein Kommunist mehr bin und die "Klassenfrage" längst nicht mehr so wichtig finde wie einst.   Aber sie zu leugnen wäre ebenso Schwindel/Irrtum, wie es Schwindel/Irrtum  ist, sie über alles zu stellen.

In der Nachbetrachtung war die Überreaktion bundesrepublikanischer Politik auf unseren "Alleingang" in Moskau nur ein letzter Versuch, den Kalten Krieg gegen ein Mann wie Gorbatschow zu retten.  -  Aber die Welt brauchte Entspannung. Und es gab nicht nur keine Festnahmen, sondern ein spürbares Nachlassen des dummen Antikommunismus UND damit auch des Kommunismus selbst, weil er ohne Feinde endlich beginnen konnte, an sich selbst zu zerbrechen.

vorn der Student mit den vielen Orden - der bin ich nicht :-)

Nicht alles konnte anders sein, denn die Vergangenheit war noch Gegenwart.

irgendwo auf der Ehrentribüne saß Gorbatschow

Seine Rede verzichtete auf Pathos, Lärm, Beschwörung, Untertöne, Zwischentöne.  Die Stimme im Stadion klang hell und ruhig. Wer auf einen "revolutionären Führer" hoffte, war vermutlich enttäuscht. Für mich war es unerwartet. Eine Veränderung, der ich noch längst nicht traute.  Gorbatschow nutzte uns als KULISSE nicht für Propaganda.  Ein oder drei Tage später, ich weiß es nicht mehr, hieß es aus dem Kreml, dass die Sowjetunion einseitig das Moratorium auf Atomwaffentests beschlossen habe. - Der KALTE KRIEG ging seinem Ende entgegen.

 

Es waren mehr als nur "10 Tage" - ich war erschöpft.  Hin war ich voraus geflogen. Zurück mit dem Zug. Er hielt oft an. In Minsk und anderswo wurden uns Empfänge bereitet. Das war wieder die "Alte Sowjetunion".   Ich schlief fast die ganze Fahrt.  Das Wasser im Zug ging mehrmals zur Neige. Man verklebte in sich. - Zurück in Berlin.  1985, kein Jahr wie jedes andere.    sven

siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Weltfestspiele_der_Jugend_und_Studenten 

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