Verkehrswende

Prozess der Veränderung von Mobilitätskonzepten im urbanen Raum - weg vom Verbrennungsmotor hin zu Formen der Fortbewegung, die weniger Emissionen verursachen, in der Herstellung weniger Ressourcen verbrauchen und im Betrieb weniger Raum in Anspruch nehmen.

Müsste die Stadt noch einmal neu erfunden werden, so läge ein Mobilitätskonzept, bei dem jeder dritte Bewohner über ein eigenes hochmotorisiertes Fahrzeug verfügt, weit jenseits vernünftiger Überlegungen. Flächenverbrauch, Notwendigkeiten der Infrastruktur, Gift- und Lärm-Emissionen sowie die permanente Gefahr für Leib und Leben ließen ein solches Konzept zutiefst inhuman erscheinen. Aber die Verbrennungsmotorisierung der Lebenswelt hat auch vor den Großstädten nicht halt gemacht. Funktioniert hat das nur - am Beispiel Berlins -, weil die gründerzeitliche Planung des öffentlichen Raumes derart großzügig angelegt war, dass all jene Bewegungs- und Abstellflächen vorhanden waren, die nun durch endlose Reihungen parkender Fahrzeuge faktisch privatisiert sind. Und so hat man sich - durch die normierende Gewalt des historisch Gewachsenen - daran gewöhnt, dass jede Bewegung im urbanen Raum von den Ansprüchen des Autoverkehrs limitiert und eingeschnürt wird, und dass jedes Fehlverhalten potentiell lebensbedrohliche Folgen nach sich zieht.

Jahrzehnte galt der motorisierte Individualverkehr als dominanter Maßstab stadt- und verkehrsplanerischer Konzepte. Dies ändert sich, seitdem der Verkehr in vielen Ballungszentren an der eigenen Quantität kollabiert, seit Debatten um Emissionen im Zuge des Klimawandels wieder verstärkt geführt werden, und seitdem die Automobilindustrie, auch durch ihre Verwicklung in abgaskriminelle Machenschaften, eher als Teil des Verkehrsproblems denn als Teil einer möglichen Lösung wahrgenommen wird.

Dennoch wird eine Verkehrswende nicht ausschließlich (oder überhaupt nur in geringem Maße) auf dem Wege technischer Innovation der Antriebstechnik vorangebracht werden. Elektromobilität wird quantitativ den Verbrennungsmotor nicht ersetzen können, weil die Ressourcen nicht hinreichen, um flächendeckend Akku-Technologie zu implementieren. Zudem löst das Elektroauto weder das urbane Raum-Problem noch führt es zu einer entscheidenden Verbesserung von Lärm- und Feinstaub-Emissionen, die zu einem erheblichen Teil von den Reifen verursacht werden.

Eine gelingende Verkehrswende muss auf einem Bündel von Maßnahmen und veränderten Paradigmen jenseits des rein Technologischen beruhen. Dazu gehören neben einer fußgänger- und fahrradbevorzugenden Verkehrsinfrastruktur, einem leistungsfähigen ÖPNV, alltagstauglichen Car-Sharing-Modellen vor allem veränderte Ansprüche und Notwendigkeiten in Sachen Mobilität schlechthin. Die räumliche Spreizung von Wohnen und Arbeiten erscheint dabei ebenso problematisch wie die räumlich distanzierte Konzentration von Versorgungs- und Einkaufsmöglichkeiten. Verkehrslimitierung steigert innerstädtische Lebensqualität, ist zugleich aber nicht ohne tiefgreifende strukturelle Veränderungen und veränderte Mobilitätsströme zu haben.

MajkM  2018-06-20 / 2019-01-13

 

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