Antifaschismus und FdGO

Anonymus hat folgendes geschrieben:
Zitat: Der „Antifaschismus", das traditionelle Aktionsfeld von Linksextremisten, blieb weiterhin im Fokus ihrer „politischen" Arbeit.

Steht "politische" tatsächlich in Anführungsstrichen? Auch ich neige mitunter dazu, Begriffe durch Anführungszeichen zu betonen oder in Frage zu stellen, aber wer einen Begriff oder eine Eigenschaft in Frage stellt, sollte die Gründe zumindest andeuten oder Alternativen nennen. Du hast es zitiert, Dir ist es wichtig. Warum schreibst Du nicht einfach dazu, warum Du es tust?

Anonymus hat folgendes geschrieben:
Zitat: Dabei richtet sich der „Antifaschismus" nur vordergründig auf die Bekämpfung rechtsextremistischer Strukturen.

Dieses Mal machen die Anführungsstriche Sinn, denn der Autor begründet es damit, dass es nur vordergründiges Tun sei. Allerdings fragt es sich, ob seine Einschätzung realistisch ist, denn die Frontstellungen zwischen Rechts- und Linksextremisten sind nach aller historischen Erfahrung von einer Intensität, die immerhin reichlich zu Mord führten und ganze Konzentrationslager füllten. Will der Autor suggerieren, dass diese Frontstellung keinen eigenen Stellenwert habe? Dann irrt er und verharmlost den Extremismus, auch wenn er das ganze Gegenteil möchte.
Wie siehst Du das? Und warum zitiertest Du auch diesen Satz?

Anonymus hat folgendes geschrieben:
Zitat: ... Eigentliche Stoßrichtung ist die freiheitliche demokratische Grundordnung als „kapitalistisches System", ...

In den Achtzigern wurde auch ich von "Verfassungsschützern" (nun stehen da von mir Anführungsstriche") als "linksextremistisch" eingestuft, und überwachten mich jahrelang in meiner Wohnung, weil sie glaubten, dass ich ein "Verfassungsfeind" sei.

Auch in einer öffentlichen Diskussion gab es das. Es war irgendein Westberliner Wahlkampf, in dem Diepgen gewählt werden wollte und ausgerechnet nur wenige Meter von unserem Wahlkampfauftritt entfernt in der Fußgängerzone der Wilmersdorfer Straße. Nett, wie es meine Art ist, unterbrach ich meine Ansprache, um auch selbst dem eiligen CDU-Kandidaten zu lauschen, aber stattdessen ballerte er verbal gegen uns, zeigte auf mich, nannte mich einen "Verfassungsfeind" und staunte nicht vorgetäuscht, als ich ihm vor der großen Menge erwiderte, dass ich tatsächlicher Verfassungsschützer sei, während er der tatsächliche Verfassungsbrecher, was noch viel schlimmer ist, als wenn ich nur "Verfassungsfeind" nenne. Und bevor ihm sein Zorn losbrach, zitierte ich ihm - auch er studierte mal Rechtswissenschaften - die Verfassung, z.B. das Recht auf Wohnraum und das Recht auf Arbeit. Dann fragte ich ihn, ob er denn diese Verfassungsartikel in ihrer Zählung kenne. Er war baff und jeder durfte den Eindruck haben: Diepgen kennt sie nicht. Und das war auch wahrscheinlich, denn ich hatte die Verfassung von Berlin-West zitiert, die ihm offenbar so unwichtig war, dass er für sich der dort verzeichneten Grundrechte keine Zuständigkeit eingestehen wollte, sondern mit seinem Verfassungsfeind-Vorwurf möglicherweise das SED-Regime meinte.
Statt sich dem selbstgezündeten Streit zu stellen, drohte er mir mit Festnahme, wovon ich ihm Dank Rückendeckung durch eine ihn auslachende Bevölkerung dringend abriet, denn auch das würde ein Verfassungsbruch. Und auch diesen Westberliner Verfassungsartikel wusste er nicht zu benennen, sondern kam mit Artikel 5 GG, obwohl das Grundgesetz ausdrücklich keine Geltung für Westberlin hatte, wie es die VierMächte in die Westberliner Verfassung hinein geschrieben hatten, aber Diepgen mochte solche Hinweise nicht, was ich ihm ganz sicher nachfühlen konnte, denn so toll fand auch ich solche Einschränkungen unserer Souveränität nicht, aber der Bruch damit wäre dennoch "Verfassungsbruch" - und das warf ich ihm zurecht und klagbar vor, wenn er es hätte durch Festnahme darauf ankommen lassen.

Und auch sonst - seit 1990 wieder unter Geltung des Grundgesetzes, wäre ich mir meiner verfassungsschützerischen Motive gewiss gewesen, auch als Marxist, Sozialist, Kommunist usw., denn das Grundgesetz verbietet ja eher den Kapitalismus und schreibt ausdrücklich die Sozialpflichtigkeit des Eigentums vor; und erforderlichenfalls die Sozialisierung, Art.15 GG, während es gegen den Faschismus zahlreich Stellung bezieht, siehe www.inidia.de/antifaschistische-grundordnung.htm

Mein Verfassungsverständnis war auf solche Weise zwar reichlich verschieden von demjenigen meiner konservativen und leider auch vieler meiner "progressiven" Freunde, aber in der Sache und mit Vernunft diskutiert >> allemal richtig.

Also was glaubst Du, wenn Du zitiertest? Hat Dein VS-Autor recht oder ich?

Heute glaube ich, dass auch meine Position nicht gescheit war, denn sie blendete Abhängigkeiten aus, in denen sich meine Partei und Studentenorganisation befand, eine Abhängigkeit, die in ihrer Wirkung von den staatlichen Verfassungsschützern tendenziell durchaus richtiger beurteilt wurde, aber eben auch längst noch nicht richtig.
Auch das hatte einen Anteil daran, dass ich mich blinder machte, als es mir mein Verstand hätte gestatten dürfen.

Mit Gorbatschow änderte sich das. Ich entdeckte mich wieder, denn ich hatte mich einige Jahre reichlich verdusselt und verdusseln lassen. Aber mit der Augenöffnung war es zunächst "leider", dann glücklich auch mit der "Sache" vorbei, für die ich so lange und übertrieben gestritten hatte.
Und ich mag mir auch nicht verzeihen, dass ich nicht gegen diese Sache gestritten habe, wenngleich nicht aus dem platten Gegenüber, in die sich das Denken des Kalten Krieges so tief und gefährlich geteilt hatte.

Und wie ist das heute mit Linksextremisten?

Ganz sicher gibt es viele, die (sich) entweder beschönigen, was damals war. Und viele gibt es, die überhaupt keine Ahnung davon haben, einfach nur romantisieren, was unterging, einfach nur für Früheres aus dem Trotz gegen das Heute heiß werden. Dafür habe ich durchaus Verständnis, denn was uns in diesen Tagen als "Finanzkrise" in Schrecken versetzt, ist für einen Großteil der Menschheit ohnehin die Dauer-Realität und Elend von der Geburt bis zum Tod.

Anonymus hat folgendes geschrieben:
Zitat: ... um die angeblich diesem Gesellschaftssystem immanenten Wurzeln des Faschismus zu beseitigen."

Was hältst Du von diesem Zitat?

Bedeutet "angeblich", dass es dem Autor anders ist? Da werden die Dinge recht kompliziert, denn die Frage lautet mir beispielsweise, ob unser Gesellschaftssystem überhaupt der Verfassungsordnung entspricht, der wir verpflichtet sind und verpflichtet sein möchten. Auch die "Finanzkrise" demonstriert, wie sehr sich der Manager-Kapitalismus vergaloppiert und das Gesellschaftssystem politisch und wirtschaftlich in Abgründe treibt.

Und was die "immanenten Wurzeln des Faschismus" anbetrifft:

Von "Wurzeln" im Plural zu sprechen, macht allemal Sinn, z.B. Autoritätsanbeterei anstelle von eigenem Denken, Hordentrieb, selektiv-kollektiver Egoismus, Revanchismus statt Neubeginn mit Interessenkoordination, Unfähigkeit zur Selbstkritik, ...

Überhaupt von "Wurzeln" zu sprechen, macht ebenfalls Sinn, denn ohne nüscht ist nüscht, denn der Faschismus fiel nicht vom Himmel, auch wenn die Hitlerei manchen NS-Nostalgikern als "heilsbringend" erscheint und ihnen bei der Mythenbildung behilflich ist, wenn einige Historiker noch immer so tun, als dürfte der Revanchismus und das zur Selbstüberschätzung neigende Selbstbewusstsein der kapitalistischen Eliten unterschätzt werden, die mit ihren Schecks Anteil hatten, die Weimarer Republik zu entsorgen.

Allerdings zeigt die Historie, dass viel Faschistisches auch auf anderen Böden Wurzeln treiben kann. Das können Monarchien sein, das konnten auch sozialistische Staaten sein. So ganz und gar trennbar sind die Dinge nicht, auch wenn es die Befürworter oder Gegner von kapitalistischen und sozialistischen Systemen, die es ebenfalls nie in "Reinkultur" gab, so sehr bestrebt waren, alle Schlechtigkeit der anderen Seite zuzuordnen. Aber vor solch falschen Alternativen stehen wir heute zum Glück nicht mehr und sollten deshalb auch Argumentationsschemata abtun, wie sie der von Dir zitierte VS-Autor in obsoleter Tradition bemüht, denn sie verführt wiederum zum nur zu platten Konter und Irrtümern auf Seiten derer, die es gilt, von Verfassungsverkennern zu Verfassungsverteidigern umzuerziehen.

So, nun wärst Du dran. Ob es Dir ebenfalls gelingt, Deine Standpunkte zu hinterfragen? - Die meisten, die unsere Foren besuchen, stimmen still zu, lehnen still ab. Die meisten, die in unsere Foren als "Anonyme" posten, mögen nur pupsen. Das stinkt uns zwar, aber andererseits: Wenn dann wenigstens etwas Luft raus wäre, sind die Pupser vielleicht auch etwas befreiter.

Noch die Zusammenfassung, denn viele Sätze bringen wenig, wenn es am klaren Ergebnis fehlt:

1. Antifaschismus ist nicht linksextremistisch, sondern nur dann, wenn er von Linksextremisten gemacht wird bzw. Linksextremisten überlassen wird.

2. Antifaschismus verteidigt die freiheitlich-demokratische Grundordnung,

- z.B. gegenüber Rechtsextremisten, die sich durch Terror gegen Minderheiten und Andersdenkende Geltung zu verschaffen suchen,

- z.B. aber auch gegenüber amtlichen Verfassungsschützern oder Innenminister, wenn diese trotz aller historischen Erfahrung mit dem Faschismus z.B. die Grenzen zwischen Polizei und Geheimdiensten verwischen,

- z.B. aber auch gegen Regierungsmethoden, wenn versucht wird, an Volk und deren Vertretung vorbei Heere zu entsenden oder die Bundeswehr im Innern einzusetzen, was glücklicherweise im Moment noch auf Widerstände des Bundesverfassungsgerichts trifft,

- z.B. aber auch gegen Regierungsmethoden, die den Staat verschulden, wie es beispielsweise durch "Bürgschaften" geschieht, während es für jede minimale Kindergeld- und Rentenerhöhung weite Gesetzeswege braucht. Auch die faschistische Hitlerei ging in ihrer Finanzierung an der demokratischen Rückkopplung vorbei, ...

Antifaschismus ist stets der Aufklärung und gegen Diktatorisches verpflichtet. Je mehr er dem gerecht wird, desto besser ist er. Wenn er dem weniger gerecht wird, ist er halt weniger gut. Und wer ihn deshalb kritisiert, muss es besser machen. Wer den Antifaschismus hingegen nur wegwünscht, dem darf niemand trauen.

Grüße von Sven    20081009    >> Diskussion

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